Atelierbesuch

Joachim Becker, Kurator, Berlin

Mit dem Fingernagel sanft über die weiß grundierte Leinwand fahrend blickt er in das scheinbare Nichts. Das feine Korn ist Anfang seines malerischen Alphabets. Bleistifte, Farbkreiden, Ölfarben gleiten über das jungfräuliche Feld, zaghaft nervös, dann vehement kritzelnd, nur dem Widerstand der Leinwand ausgeliefert. Spachtel und Pinsel bewegen sich spielerisch intuitiv ziellos frei der Bildfindung entgegen, additiv und subtrahierend.
Sensible Linien verlieren sich in inneren Tiefen, Volumen grenzen an Leere. Äußerste Zartheit wächst im Farbfluss zu demonstrativer Stärke. Anima – Animus.
Die Bilder von Gonn Mosny haben weder Titel noch Themen. Sie entstehen erst in der Imagination des Betrachters. Mosny liefert dafür ein künstlerisches Repertoire, das aus Meditation genährt zur Meditation animiert. Erkennbare Motive sind zufällig, nichts ist indiziert oder konzeptuell gebunden, gewollt ist das was IST. Mosnys Bilder zeugen von einer ausgeprägten Zen Erfahrung. Scripturale skizzenhafte Variationen seines eigenen Seelenspiegelbildes eröffnen dem Betrachter einen sublimen Zugang zu einer individuellen realitätsübersteigenden Wahrnehmung eigener ästhetischer Erfahrung.

Es ist das Surreale, das Absurde der menschlichen Existenz, die wir im informellen Prinzip erfühlen und erkennen können. Widersprüche und Koexistenzen. Gonn Mosny bereitet durch die undogmatische Frei-sinnigkeit seiner Arbeiten ein Terrain für eigenes kreatives Sehen.
Von pastos bis transparent im overlay ziehen uns tiefere Schichten in archäologische Betrachtungen. Sexuelle Rituale, Landschaften, Schädel und Figuren tauchen auf wie aus einer Traumwelt, die unbestimmt und ursächlich bleibt.
Wege bauen, wegschaben. Erscheinungen möglich machen, offenlegen im Verborgenen. Ein akribisch minimalistisches Vorgehen, gerade auch in der Betrachtung, führt in die komplexe nicht determinierte Welt von Gonn Mosny. In seinen Werken klingen die Tonlagen von John Cage oder Morton Feldmann an, feinfühlige Differenzierungen von Moll und Dur, Improvisationen einer Fuge. Willi Baumeister und Cy Twombly sind stille Paten dieser Malerei, die sich den irdischen Banalitäten entzieht indem sie Phantasie freisetzt und somit den Geist inspiriert.
Von den frühen intimen schwarzen Federzeichnungen auf weißem Grund der 60er Jahre bis zu dem heutigen großformatigen Bilderzyklus „Neither“, initiiert von Texten Samuel Becketts, führt nur ein kleiner Schritt farblicher Nuancierungen.
Das Werk von Gonn Mosny ist ein bewegter Fluss, immer gleich ­– und immer neu.

Joachim Becker, Telfs-Berlin zum 1. Mai 2015